2011: Mit regionalen Parallelwährungen aus der Eurokrise

Gastkommentar von Michael Breisky in Die Presse, Wien, 17.9.2011:

 

Für die armen Länder an Europas südlicher Peripherie böten moderne Versionen des bargeldlosen Warenaustauschs eine Lösung.

Die Finanzmärkte können offenbar nicht glauben, dass die Serie von Rettungspaketen der EU den Euro stabilisieren kann – zu hoch sind die Schulden der armen Länder an Europas Peripherie, zu hoch ist der Rückstand ihrer Volkswirtschaften im Vergleich zum dynamischen Zentrum um Deutschland.

Zwar dämmert es Europa nun, dass die arme Peripherie ohne solides Wirtschaftswachstum ihre Schulden nicht bedienen wird. Es kann aber gar nicht genug Finanzhilfen geben, um das benötigte Wachstum auszulösen; und differenzierende Maßnahmen wie Schutzzölle, Quoten oder gar Abwertungen lässt das Korsett der Wirtschafts- und Währungsunion nicht zu.

Der politische Philosoph Leopold Kohr hat das Wesen dieser Problematik schon früh erkannt. In seinem Buch „Development without Aid“, für das er 1983 den alternativen Nobelpreises erhielt, warnte er die jungen, frisch dekolonisierten Nationen davor, sich zu früh der internationalen Arbeitsteilung und dem Welthandel zu öffnen: Sie wären als periphere Volkswirtschaften gegen die Gravitation der starken Industriestaaten machtlos und würden ausgesaugt werden.

Von der Lehmhütte zum Palast
Zu nachhaltigem Wohlstand könne man daher nur durch Wiederholung des historischen Werdegangs reicher Länder kommen, nämlich von der dörflichen über die regionale (um Städte zentrierte) bis zur nationalen Wirtschaft. Dieser Weg „von der Lehmhütte zum Marmorpalast“ könne durchaus in einem Lebensalter durchlaufen werden; entscheidend sei das wachsende Verständnis der Bevölkerung für ein einigermaßen harmonisches Sozialgefüge.

Diese Situation finden wir heute auch in der EU: Schwache Volkswirtschaften der südlichen Peripherie sind zu rasch in den kontinentalen Integrationsprozess eingestiegen. Sie verlieren nun konstant an Boden, weil sie die Stufen regionaler und nationaler Integration noch nicht vollendet haben.

Fehlender Mittelbau
Überall fehlt es am Mittelbau: viele Kleinbetriebe und ein paar von außen finanzierte „White Elephants“, aber zu wenig Produktionsbetriebe mittlerer Größe; viele arbeitslose Akademiker, aber kaum ausgebildete Blue Collar Worker und Handwerker; starke Flucht aus den Dörfern direkt in die Metropole – vorbei an den Bezirksstädten. Dazu eine teure Wegwerfkultur, statt einer Reparaturkultur. Und über allem ein überbordender Bürokratismus, der zur Korruption einlädt.

Aber es gibt sehr wohl Mechanismen, wie bei Aufrechterhaltung des europäischen Integrationsstandes der Entwicklungsrückstand der südlichen Peripherie aufgeholt werden kann. Das Schlüsselwort dazu lautet: regionale Parallelwährungen.

Es sind dies letztlich moderne Versionen des geldlosen Warentauschs. Beispiele sind das 1934 in der Schweiz gegründete, in Krisenzeiten besonders erfolgreiche WIR-System (eine Art Barter mit zentralem Clearing http://de.wikipedia.org/wiki/WIR_Bank); oder die diversen Regionalgelder, etwa der boomende Sterntaler im Berchtesgadener Land (www.regiogeld.de/sterntaler.html). Diese Systeme erreichen zweierlei: zum einen eine Bewusstmachung und stärkere Nutzung des regionalen Wirtschaftspotenzials, zum anderen eine Befreiung aus der Kreditklemme, da bei Ware gegen Ware/Leistung keine Finanzkredite anfallen. Näheres zu Parallel-Währungen und ähnlichen alternativen Finanzierungsinstrumenten unter www.lietaer.com.

Also Brüssel bitte melden, mit geförderten Crash-Kursen zur Einführung solcher Systeme in der Süd-Peripherie! Und Österreich sollte als Beitrag zur Eurorettung solche Initiativen in EU-Ministerrat und -Parlament unterstützen.(gekürzte Passagen im Kursiv-Druck)

Botschafter Michael Breisky lebt seit seiner Pensionierung in der Nähe Salzburgs und ist in der Leopold Kohr Akademie tätig.

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