Europas Nachbarschaft mit Russland neu denken
Schwierige Nachbarschafts-Bilanz Ein Rückblick auf Europa seit dem Wendejahr 1989 zeigt: Voller Erfolg im „Zwischenraum“ Ost-Mitteleuropas und gemischte Bilanz für Russland. Zu diesem großen Nachbarn sei ohne weitere Ursachen-Forschung konstatiert: Während Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik anfangs überaus erfolgreich war, hat sie sich seit der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 laufend verschlechtert und ist seit der Krim-Besetzung in offene Konfrontation geraten; Der Wechsel von Plan- zu Marktwirtschaft kam zu plötzlich, um das Wettbewerbs-Prinzip in der Bevölkerung zu verankern, und so haben vor allem Oligarchen profitiert; Das Europa so wichtige Prinzip von Menschenrechten und Demokratie konnte nur Teile der russischen Eliten überzeugen, nicht aber
Ein Kompass in Zeiten der Verwirrung
Kommentar von Michael Breisky, veröffentlicht im Internet-Magazin LIBRATUS am 2. Mai 2025: Der „Untergang des Abendlands“ wird laut Oswald Spengler Folge von maßlosem Skeptizismus sein, und nach den Evangelien wird vor den letzten Tagen große Verwirrung herrschen – das gibt heute zwar wenig Anlass zu Optimismus, trotzdem sei hier frei nach Martin Luther ein gedankliches Apfelbäumchen gepflanzt. x Die wesentliche Ursache für die Düsternis unserer Tage beschreibt schon 2017 der britische Soziologe Colin Crouch: Es ist der aus allen Bereichen des politischen Spektrums kommende Widerstand gegen die „kompromisslose Aufklärung“ der Globalisierung, vor allem durch den Nationalismus. Wie schwierig
Österreichs Kompromiss-Pyramide verbaut die Zukunft
„Die Presse“, Wien 28.September 2024, Gastbeitrag: Die Schwächen der Kompromiss-Pyramide Das politische System in Österreich hat ein Problem: Wer es mit Kompromissen übertreibt, zementiert die Gegenwart auf Kosten der Zukunft. von Michael Breisky „Wir wer’n kaan Richter brauch’n“ ist ein trefflicher österreichische Befund, von Freund und Freunderl gern gebraucht. Dass es hier nicht nur um Pragmatik als höchste Staatsraison geht, fand schon der 2022 verstorbene ÖVP-Politiker Erhard Busek: „Der Österreicher sieht schon den Kompromiss, bevor er das Problem erkannt hat.“ Das Positive an diesen Befunden ist der im Dachauer KZ entstandene „Geist der Lagerstraße“, der österreichische Bürgerkriegsgegner zu Konsenssuchern werden ließ
Europa und die Neubelebung der Zivilreligion
„Die Presse“ in Wien veröffentlichte am 11. August 2024 meinen Gastbeitrag unter dem Titel „Zur Neubelebung der Zivilreligion“. Da der Beitrag von der Redaktion gekürzt wurde, folgt er hier in seinem vollen Wortlaut: Zur Neubelebung der Zivilreligion Von Michael Breisky Was Christian Ortner in der “Presse” vom 2. August 2024 als atheistisches Kulturchristentum beschreibt, kann man in einem Diskurs nachlesen, der schon 2004 geführt wurde: nämlich zwischen Marcello Pera, dem zum liberalen Flügel der Berlusconi-Partei gehörenden italienischen Philosophen, bekennenden Atheisten und Präsidenten des italienischen Senats, und dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger, langjähriger Präfekt der römischen Glaubenskongregation – und ein Jahr später
Leitkultur: „Die Leit'“müssen mitmachen wollen
Leserbrief in „Die Presse“, Wien, 9.4.2024 Zum Thema Leitkultur vermisse ich gerade in Österreich ein wichtiges Argument: Österreich ist neben Belgien der einzige EU-Staat, dessen Nationalbewusstsein sich nicht auf Geographie oder Sprache gründen kann, sondern nur auf seine Geschichte. Das ist ein leicht manipulierbares Gut, Erinnerungskultur im Guten wie im Bösen muss daher ein Staatsziel sein. Mit den Rechts-Werten im Verfassungsrang allein kann man nur einen platonischen Philosophen-Staat führen – freilich nicht lange. Denn die individuelle Einhaltung der Rechts-Werte kann man nur fordern, wenn die Einhaltung kultureller Werte – wie der Erinnerungskultur – öffentlich gefördert wird – “ die Leit’ ” müssen mitmachen
Europas Demokratie und die Informations-Überflutung
Links und rechts im Verfolgungswahn Demokratie. Der demokratische Diskurs scheint kaputt. Zu viele fühlen sich moralisch überlegen und unverstanden. VON MICHAEL BREISKY Gastkommentar in „Die Presse“, Wien Samstag, April 29, 2023 Europa muss sich die Frage stellen, ob und wie Demokratie in Zeiten der Tatsachen- und Dialogverweigerung überleben kann. Das zeigt sich am Aufstieg der politischen Extreme: einerseits rechtspopulistische, also rückwärtsgewandte Wutbürger und andererseits vorwiegend links-elitäre Fundamentalisten mit frei gewählten Identitäten. Die alte Studenten-Weisheit „Links liest wirre Bücher, rechts trinkt Bier“ bestimmt den politischen Alltag: Beide Seiten halten ihre subjektive Befindlichkeit als verfolgte Minderheit für den Beweis ihrer moralischen


