2002 Gastkommentar: Das Transatlantische Yin Yang

Der Autor ist Leiter der Amerika- Abteilung im Außenministerium.
Viele sehen heute die Partnerschaft zwischen den USA und Europa am Ende. Glaubt man drüben, daß die EU im Kampf gegen den Terror außer bösen Worten nichts beizusteuern hat, so huldigt die USA in hiesiger Sicht blankem Unilateralismus und mißachtet Europas vielfältige Leistungen. Ein Zufallsgriff ins Lexikon landet bei Yin Yang, dem uralten Begriff der chinesischen Philosophie für dunkel und hell. Dem Yang entspricht das Männliche, der Himmel, die Stärke; dem Yin hingegen das Weibliche, die Erde und die Nachgiebigkeit. „Beide sind einander ergänzende und bedingende Prinzipien“. Fügt man dem Yang Tatendrang und Polarisierung sowie dem Yin die Differenzierung hinzu, so haben wir wohl des politischen Rätsels Lösung! So sind die „Yan-kees“ das Volk der Stärke und der effizienten Tat, deutlich sichtbar in ihrer militärischen Überlegenheit.

Aber auch ihr Hang zu polarisierendem Schwarz-Weiß- Denken ist unübersehbar. Für das Yin des heutigen Europa ist wiederum typisch, daß es Vielfalt und Konsenssuche mehr als die Tat schätzt: militärisch schwach, aber als global payer weltweit bei Friedenserhaltung und Wiederaufbau, Entwicklungshilfe und Umweltschutz führend. Ohne das Interesse der USA an Europa wären Miloˇsevi ́c & Co noch am Ruder und gäbe es in der EU weniger Konsens. Aber auch die USA brauchen Europa, wenn sie die zentrale Herausforderung des transnationalen Terrors meistern wollen; denn hier entscheidet letztlich der Kampf um die schweigenden Mehrheiten, wie sie heute in islamischen Ländern zwischen Toleranz und Terror stehen. Stimmt man dort dem Terror auch nur klammheimlich zu, stürzt unsere höchst verletzliche Welt bald in einen blutigen Zermürbungskrieg. Gelingt es aber, die schweigenden Mehrheiten gegen die religiös verbrämten Ideen der Gewalt zu immunisieren, dann geht es den Terroristen bald wie den Fischen im Wüstensand. Es ist dies also ein geistiger Kampf, der sich letztlich nicht mit militärischer Macht allein gewinnen läßt – denn diese bietet nur glaubhafte Aussicht auf Tod und Zerstörung. Wenn nun die Moslems verunsichert sind und viel-fältigste Fragen stellen, wer hat da die besseren Antworten, Yang oder Yin? Kein Zweifel, daß Yang heute Übergewicht hat – und zwar nicht nur wegen des Glanzes der Macht sondern auch wegen der Kosten, wie man am chronischen Defizit der USA bei Leistungsbilanz, Energie- und Umweltverschleiß sowie ihrer Abhängigkeit von ausländischem Forscher-Nachwuchs sieht. In Zeiten vorübergehender Krisen mag dieses Ungleichgewicht richtig sein – nicht aber auf Dauer. Schon wegen der Kosten muß das Pendel also wieder zum Yin zurück, aber wann und wie? Man kann sicher sein: je später, mit desto mehr Schwung, und umso ärger wären dann unvermeidliche „Kollateralschäden“. Anders gesagt:

Will Europa noch vor der nächsten Katastrophe die USA von den Vorteilen einer ausgewogenen Partnerschaft überzeugen, so ist dies eine Bringschuld Europas. Kern der Botschaft sollte sein, daß den USA 90% Gemeinsamkeit mit einer starken EU mehr bringt, als 100% mit einer schwachen; aber auch, daß die fehlenden 10% gut investiert sind, wenn sie die EU in ihre umfassende Friedenspolitik steckt. Erste Adresse dieser Botschaft ist die Öffentlichkeit der USA samt ihren Vertretern am „Capitol Hill“, wo viele Zukunftsfragen der Menschheit ohne eigene Lobby sind. Dort soll die EU zeigen, was sie schon heute politisch leisten kann.

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