Idee und Maß – die neue Phase der Aufklärung

                      Idee und Maß: die zweite Phase der Aufklärung

(Exzerpt aus dem Buch „MENSCHLICHES-MASS.COM – Halbzeit im Kampf gegen den Mammon“ von Michael Breisky, Wien 2018, Verlag Frank& Frei)

Ein Bericht außer-irdischer Wesen über das Schicksal von Erde und Mensch könnte einmal so aussehen:

„Allein gelassen, reiten sich alle Erfolgsprinzipien zu Tode; Mäßigung finden sie nur in der Begegnung mit etwas anderem.  Das ist ein ehernes Gesetz des Universums.

Der Planet Erde im Sonnen-System der Milchstraße zeigt das sehr anschaulich: Dort hat die Spezies der Menschen – wohl mit leiser Ironie nannte sie sich „Homo sapiens“, ja sogar „Homo sapiens sapiens“ – zunächst sehr unterschiedliche Formen des Zusammenlebens entwickelt und dabei ein weitgehend stabiles Gleichgewicht eingehalten. Das begann sich zu ändern, als man noch einige Jahrhunderte vor Beginn ihrer Zeitrechnung auf den eigenartigen Gedanken kam, dass Geist und Materie nichts miteinander zu tun hätten. Rund 2000 Jahre später wurde dieser Gedanke auf die Spitze getrieben, als die Bewohner eines kleinen, Europa genannten Erdteils begannen, ihre intellektuellen Fähigkeiten dem Zusammenhang mit ihrer jeweiligen Umwelt zu entziehen und stattdessen eine Reihe von abstrakten Erfolgsprinzipien zu entwickeln. Sie nannten diese Epoche „Aufklärung“ und die neue Praxis „Ideen“ oder „Abstraktionen“. Tatsächlich gelang es den Europäern und dann auch ihren Ablegern in Nord-Amerika und anderen Weltgegenden, mit dieser Art des Vernunft-Denkens viel zu bewegen. Wissenschaft und Technik blühten auf, individuelle Menschenrechte und Demokratie wurden entwickelt. Wohl am deutlichsten war der Erfolg am enormen Bevölkerungs-Wachstum ablesbar. So stand innerhalb von drei Jahrhunderten der gesamte Erdball unter den bestimmenden Einfluss dieser „Aufklärung“. Aber: mangels Begegnung mit ähnlich starken Prinzipien maßlos geworden, führte dieses Erfolgsprinzip zu fundamentalistischen Exzessen ihrer „Ideen“ und damit zur Selbstzerstörung dieses schönen Planeten.

Aufklärung oder Abklärung

Also ist mit der Aufklärung etwas schiefgelaufen: ihre Betonung der Vernunft – und dann auch des Konkurrenz-Denkens – hat nach großartigen Anfangserfolgen so sehr in den Exzess geführt, dass nun das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht. Das Vernunftdenken bleibt weiterhin unersetzlich, doch müssen die Exzesse auf das Menschliche Maß zurückgeführt werden, um nun in einem Geist der Verbundenheit leben zu können. Kurz: Aufklärung und Gebrauch der Vernunft sind bis heute stark ergänzungsbedürftig geblieben.

Auf den Punkt bringt es der große Evolutionsforscher Rupert Riedl, wenn er in seinem Buch „Evolution und Erkenntnis“ eine Diskussion mit Marion Gräfin Dönhoff im Jahr 1979 schildert.[1] Als Riedl mit ihr nach einer Konferenz im Vatikan über den Petersplatz spazierte, meinte er: „In einer zweiten Aufklärung wird nicht mehr gegen die Inhumanität von Kirche und Aristokratie angetreten, sondern gegen jene von Ideologie und Kapital; und dann soll ..nicht die Unbegrenztheit des Machbaren den Menschen befreien, sondern die Einsicht in die Grenzen seines Vermögens.“„Das, sagte Gräfin Dönhoff, ist aber eigentlich eine Art der Abklärung!“

So ist es! Aufklärung – das ist das Ausleuchten des Dunklen mit dem Scheinwerfer der Vernunft; und Abklärung, das ist die Einordnung so gewonnener vernünftiger Erkenntnisse in eine umfassende Ordnung. Und um brauchbar zu sein, darf diese Ordnung Riedls Grenzen menschlichen Vermögens nicht überschreiten, muss also auf die dem Menschen von der Natur gesetzten Grenzen vernünftiger Erkenntnis Rücksicht nehmen. Wo liegen da heute die Probleme?

Im Wesentlichen lassen sich die Probleme mit der Aufklärung auf eine Ursache zurückführen: Weil das Vernunft-Denken linear organisiert ist, haben wir die Ganzheitlichkeit aus den Augen verloren.

Lineares Vernunft-Denken und Projektionen

 Wie eingangs schon ausgeführt wurde, erleben wir heute zunehmende Frustration über das “Versagen” von zentralen Ideen und Werten, die als „typisch westlich“ gelten und bisher unbestritten höchst erfolgreich waren, sei es nun Demokratie, Toleranz, Säkularismus, Nationalstaat – ja auch Geld, Wirtschaftswachstum und Effizienz. Da diese Ideen und Werte erst mit der Aufklärung „groß“ geworden sind, müssen offenbar grundlegende Dinge dieser Denkungsart in Schieflage geraten sein. Was könnte das sein?

Auf den Punkt gebracht: die Vernunft konnte sich nur deshalb in der uns heute bekannten Form entwickeln, weil sie immer auf den beschriebenen „Flankenschutz“ ganzheitlicher Systeme zählen konnte. Nun befinden wir uns ja heute in dem von Aufklärung geprägten Zeitalter der Neuzeit, wo die Vernunft das Szepter ganz allein in die Hand genommen haben will. Mit messerscharfen Begriffsbestimmungen, Logik, Abstraktionen und Projektionen glaubt sie alle sinnvollen Fragen beantworten zu können. Schon der Beginn der Neuzeit ist für die neue Denkungsart typisch: Als Columbus zur Überzeugung kam, dass die Erde rund ist, machte er diese Abstraktion zum Gegenstand einer Projektion, die dem gesamten Erfahrungs-Wissen seiner Zeit zuwiderlief: war der östliche Landweg nach China versperrt, so sollte es möglich sein, „immer weiter“ nach Westen zu segeln und letztlich doch in China zu landen.

Ob die Projektion des Columbus wirklich so ein großer Erfolg war, mag Ansichtssache sein – jedenfalls hat diese Methode rationaler Projektion Schule gemacht und ist zur Grundlage unseres Fortschrittglaubens geworden: Man reduziert eine komplexe Situation auf eine Abstraktion, überprüft dies nach Möglichkeit in einem kleinen Modellversuch und projiziert dann diese Abstraktion linear auf ein meist größeres – und daher auch komplizierteres – Umfeld.

Die dahintersteckende Problematik drückt ein Zitat aus dem Standard-Repertoire des alpenländischen Bauerntheaters aus: Die Szene dreht sich um einen Bauern, der einen Acker verkauft, dafür einen Beutel mit 100 Gulden bekommt und diese nun nachzählen soll. Er wird dabei öfter unterbrochen, fängt immer wieder neu zu zählen an und meint dann schließlich resignierend hat es bis sechsundsechzig gestimmt, wird es wohl bis hundert auch stimmen!

Wer über diesen Bauern lächeln kann, der sollte auch über die unselige Gewohnheit lachen, in einer konkreten Situation aus einem fundierten Teil-Wissen ohne weiteres auf das Ganze zu schließen. Diese Ganzheitlichkeit im Auge zu behalten mag heute nicht leichtfallen; denn in dem Maße, wie technischer und gesellschaftlicher Fortschritt die Ausdehnung des menschlichen Wirkungskreises über den Gesichtskreis des ganzheitlichen „Wächters“ in unserem Kopf hinaus ermöglicht hat, stimmt ja auch sein „no news is good news“ nicht mehr; das ceteris-paribus-Syndrom lässt grüßen.

Es geht also um „vernünftige Projektionen“ als die wohl wichtigsten Träger des Fortschrittsgedankens. Dieser Gedanke hat im ausgehenden 20. Jahrhundert eine Scherenentwicklung erfahren: Einerseits hat der Wegfall technischer und politischer Grenzen im Zuge der Globalisierung den Anreiz zu immer mehr Projektionen von globaler Tragweite gegeben, findet also außerhalb des sozial überschaubaren Raums statt; und andererseits findet im Zuge der Säkularisierung nur mehr das aufgeklärte Vernunftdenken allgemeine Anerkennung – die kulturellen Hilfsmittel vernünftiger Erkenntnis – vor allem die schon beschriebenen ganzheitlichen Ordnungs-Systeme – haben damit ihre korrigierende und inspirierende Wirkung weitgehend verloren; die Trennung von Materie und Geist, wie sie die Aufklärung betont hat, tat ihr Übriges.  Wie die Erfahrung zeigt, erhöht zudem die sinkende Orts-Bindung den „veloziferischen“ Zeitdruck. Der Vernunft fehlt somit der ganzheitliche Flankenschutz, der auf die Querverbindungen und Grenzen der Projektionen verweisen sollte – bei ihren Projektionen schlägt also das erwähnte ceteris-paribus-Syndrom heute besonders stark zu.  Denn die alte Klausel der „im übrigen gleich bleiben Rahmenbedingungen“ hat in einer immer enger vernetzten Welt nur mehr soviel Wahrheitsgehalt wie die alte Märchen-Floskel „und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch“: beide Aussagen sind logisch richtig, suggerieren jedoch falsche Tatsachen; spricht doch die einfache Lebenserfahrung dagegen, dass bei einem Eingriff in komplexe Dinge die Rahmenbedingungen gleich bleiben können oder der Märchen-Prinz und  seine Prinzessin heute noch am Leben sind.

  Und so entsteht im ungezügelten Nebeneinander end- und maßloser Projektionen viel Unvernunft und undurchschaubare Komplexität, die gegen Naturgesetze und Grundsätze sozialer Nachhaltigkeit verstoßen und damit unser Überleben aufs Spiel setzen:

Verstoß gegen Naturgesetze und soziale Grund-Erfahrungen:

Hier ist an erster Stelle der Glaube an ungebremstes Wachstum zu nennen, der als Allheilmittel für fast alle Probleme der Politik herhalten muss, und weder mit den begrenzten Ressourcen noch den Gesetzen der Thermodynamik vereinbar ist. Gewiss, aufgeklärte Kreise sprechen jetzt von der Umschichtung des Umwelt-schädlichen zu „grünem“ Wachstum, aber auch diese Variante hat ihre Tücken: Selbst ein Mehr an rein digitaler Wertschöpfung benötigt mehr Hardware, verbraucht also mehr Mineralien und Energie, produziert obendrein auch mehr Elektroschrott. Darüber hinaus ist kaum anzunehmen, dass „grüne“ Wertschöpfung genau so „grün“ wieder konsumiert wird: wenn etwa der „grüne“ Internet-Unternehmer seinen Gewinn in einen Malediven-Urlaub steckt, verkehrt sich seine grüne Wertschöpfung in eine ungleich gewichtigere Umweltbelastung.[2]

Dann steht ganz besonders Europa vor dem Verlust seiner demographischen Reproduktions-Fähigkeit: In dem Maße, wie der heutige Lebensstil die Frauen dazu drängt, in ihrer Lebensplanung den Kinderwunsch weit über das biologische Optimum hinaus auf immer später zu verschieben; sinkt die Fertilitätsrate, und nimmt die Vergreisung der Gesellschaft zu – mit Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Als Stichworte seien da genannt: Immigration und Ausländer-Integration, Alten-Pflege, zunehmender allgemeiner und Kultur-Pessimismus.

Schließlich ist auch die wachsende Informationsflut mit ihrem „Ertrinkungstod der Neugier“ zu nennen: nicht nur im europäischen Alltag übersteigt die zunehmende Komplexität die biologische Fähigkeit des Einzelnen zur Informationsverarbeitung. Das führt zu einem Neugier-Schwund mit massiven Fehlentscheidungen wegen fehlender Überschaubarkeit, fördert aber auch das unreflektierte Durchschlagen instinktiver Reflexe, etwa durch Fremdenfeindlichkeit.

Auch die nun zum Turbo-Kapitalismus degenerierte Marktwirtschaft wurde schon erwähnt; sie ruht selbst auch auf Ideen, die lange als Erfolgsprinzipien galten: etwa das arbeitsteilige Verfahren, Zins und Zinseszins, Papiergeld, Werbung etc. Wenn man sich nun anschaut, wie nicht nur das südliche Europa wegen der Folgen der Finanzkrise von 2008 in tiefe Hoffnungslosigkeit zu versinken droht, obwohl die Wirtschaftspolitik mit klassischen Rezepten gegenzusteuern sucht – ja, dann muss man annehmen, dass gleich mehrere Säulen des Kapitalismus in extremes Unmaß geraten sind.

Der Wendepunkt

Große Ideen kennen also keine Selbstbeschränkung, uns bedroht heute ein zuviel des Guten. So brachte es auch der bayrische Philoph Carl Amery auf den Punkt: Kann die Menschheit ihre eigenen Errungenschaften überleben?[3] Die Alte Aufklärung hat von einer besseren Welt geträumt und mit der „vernünftigen Projektion “großer Ideen schöne und himmelhohe Kathedralen entworfen. Nach einer langen Erfolgsgeschichte müssen wir heute feststellen, dass die Vernunft heute auch etwas anderes braucht: Rücksicht auf das, was im Menschen unvernünftig ist – wie zum Beispiel das ceteris-paribus-Syndrom. Und tatsächlich sehen wir nun, dass die Vernunft dann zu den besten Ergebnissen führt, wenn sie ihre Projektionen einbremst und sich an das Menschliche Maß hält; also in einem Umfeld bleibt, in dem der einzelne Mensch nicht nur ein Maximum an ganzheitlichem Verständnis für seine Lage, sein (Un-)Vermögen und die Folgen seines Handelns haben kann; sondern auch seinen angeborenen Hang zu Kooperation entfalten kann. Da beides von der Überschaubarkeit des menschlichen Umfelds abhängt, muss diese Qualität der Kern der Neuen Aufklärung sein.

Die Neue Aufklärung schätzt die gleichen Ideen wie die Alte, aber weiß auch, warum diese bessere Welt sich nicht einstellen will; und bleibt bei der Bauart, die Natur und Maurer schon immer genutzt haben:  Zellen und Ziegel. Denn das Bauen mit kleinen und vielfältig nutzbaren Einheiten gibt dem ganzen System soviel Flexibilität, dass es auch nichts ausmacht, wenn das eine oder andere Element ausfällt; womit auch verhindert wird, dass man vom Menschlichen Maß in den Exzess gerät. Die Kathedralen der Neuen Aufklärung mögen somit nicht mehr in den Himmel ragen, sie können aber mindestens so schön sein – denn meistens ist small  ja auch beautiful.

Um schließlich auf Rupert Riedls Verständnis der Neuen Aufklärung zurück zu kommen: Kleinheit und vor allem die mit Zellen und Ziegeln hergestellte Kleinteiligkeit sind zwar meistens, aber nicht immer schön – im Gegensatz zur Unbegrenztheit des Machbaren entsprechen sie jedoch viel besser der Einsicht des Menschen in die Grenzen seines Vermögens.

Sonne, Zellen und Ziegel sind ja gut, aber wie löst man das Problem, dass Große Ideen den Hang zur Maßlosigkeit haben, weil sie aus sich selbst heraus zu keiner Selbstbegrenzung finden? Eine allgemeine Rückkehr zu kleinteiligen und überschaubaren Einheiten, wo sich diese Maßlosigkeit nur selten einstellt, ist wenig wahrscheinlich, für den Großteil der Menschheit wird sich das Leben also weiterhin in unüberschaubar großen und größten Strukturen abspielen. Und daher wird der gute Kern „Großer Ideen“ auch in großen Strukturen bzw. Räumen so gut wie nur möglich beibehalten werden müssen. Was sollte da also geschehen, um die neue Phase der Aufklärung umzusetzen und zum Menschlichen Maß zu kommen?

 

Der kritische Punkt

Außerhalb des überschaubaren Raumes – wo einem jedes Unmaß schon „von selbst“ auffallen wird – brauchen wir also eine praktikable Methode zur Überprüfung von üblicherweise nicht mehr hinterfragten Erfahrungen, Erfolgsprinzipien, Werten und sonstigen „Großen Ideen“. Ich glaube, dass hier einige Ansätze des schon erwähnten Philosophen Leopold Kohr weiterhelfen; wie ich in meinem Buch „Leopold Kohr im Zeitalter der Post-Globalisierung“ ausgeführt habe,[4] besteht diese Methode aus drei Schritten. Sie fußt auf Kohrs Erkenntnis, dass es bei der Verbreitung und Umsetzung von Ideen (wie beim Wachstum von Strukturen) einen Punkt gibt, dessen Überschreiten mehr Schaden als Nutzen bringt. Dies wäre auch der Punkt, bei dem man annehmen kann, dass die gewohnte Erklärungskraft einer Idee für weitere Anwendungsgebiete nicht mehr automatisch gegeben ist; nun vielmehr von Fall zu Fall prüfen wäre, ob diese Idee noch weiter Anwendung finden soll. Denn von spirituellen Themen abgesehen, wo es das einzig Absolute geben mag, kann keine Idee unbegrenzte Gültigkeit beanspruchen.

Ab diesem kritischen Punkt sollte es an ihren Verfechtern liegen, ihre weitere Anwendbarkeit nachzuweisen. Es ist dies eine Beweislast-Umkehr, weil die Richtigkeit jeder „Großen Idee“ meist schon im Kontext ihres Ursprungs – meist im überschaubaren Raum – einer Überprüfung unterzogen worden ist. Wenn sie danach ihren Siegeszug in ganz andere Umgebungen antrat, wurde unausgesprochen – und in Missachtung des ceteris-paribus-Syndroms – die ursprüngliche Richtigkeit auch weiterhin „bis zum Beweis des Gegenteils“ angenommen.

Die meisten Streitfragen unserer Zeit wird man schon mit der bloßen Ankündigung einer bevorstehenden Beweislast-Umkehr einer Lösung näherbringen können; werden sie doch damit sehr bald von der theoretischen Ebene eines sterilen und fundamentalistischen „Entweder – Oder“ auf das praktische Niveau eines konkreten Umfelds heruntergeholt, wo den Interessen des einzelnen Menschen weit mehr gedient ist.

 

Die Drei-Schritt-Methode

Der erste Schritt folgt einem Ansatz, den schon Leopold Kohr bei Aristoteles gefunden hat: Jeder Wert trägt – so wie Gift und Gegengift – den Keim eines „Gegenwertes“ in sich, der – allenfalls auf einer anderen Ebene – gleichfalls positiv gesehen werden sollte. Klassisches Beispiel dafür ist das Spannungsverhältnis zwischen Tapferkeit und Vorsicht: exzessive Tapferkeit – die also auf Vorsicht verzichtet – wird zu Tollkühnheit, und umgekehrt exzessive Vorsicht zu Feigheit.  Um auf der Suche nach dem kritischen Punkt zu einem konstruktiven Ergebnis zu kommen, muss also zunächst für jeden Wert (bzw. Idee) sein „Gegenwert“ gefunden werden, der als Gegenpol in ein Spannungsverhältnis einzubringen ist.

Mit dem zweiten Schritt kommen die hier die schon erwähnten Ordnungs-Systeme ins Spiel: Religion, Moral, Ästhetik und Harmonie-Streben; die Ästhetik ist hier besonders interessant, da die Hässlichkeit einer Sache ein sicheres Indiz für ein in ihr steckendes Unmaß ist. Auch die beständige kulturelle Tradition sollte dazu zählen, da sie nur beständig werden konnte, wo sie nicht gegen diese ganzheitlichen Systeme verstößt. Soweit sich diese Werte in finanziellen Kosten/Nutzen-Rechnungen ausdrücken lassen, liegt der Kippunkt schon vor der Gesamt-Bilanz; und zwar dort, wo die Kosten neuen Wachstums  seinen Nutzen zu übersteigen beginnen. Alle diese Hilfsmittel der Erkenntnis sind ja auf ein ganzheitliches Verständnis ausgerichtet und im Falle der Anwendung „Großer Ideen“ auf immer neue Gebiete auch besser geeignet, den kritischen Punkt zu erkennen, als ausschließlich auf der Basis linearer Vernunft operierende Methoden. Kurz: wenn sich aus diesen ganzheitlichen Erkenntnisquellen schließen lässt, dass eine Idee ihre Gegen-Idee über ein gesundes Spannungsverhältnis hinaus zu erdrücken droht, dann ist der kritische Punkt offenbar erreicht, und ist es nun an der Zeit für den nächsten Schritt.

Der dritte Schritt führt zur Beweislast-Umkehr: durchaus mit den Mitteln der Vernunft gilt es, die exzessiv gewordenen Ideen im Vergleich mit der jeweiligen Gegen-Idee neu zu hinterfragen und an Hand konkreter Situationen die Sinnhaftigkeit ihrer weiteren Anwendung eingehend zu prüfen.

Auch wenn einer Idee im Zuge des zweiten Schrittes ganz allgemein exzessive Anwendung bescheinigt wird; und sie in Einzelfällen  der Gegen-Idee tatsächlich unterlegen ist;  landet die Idee damit noch nicht auf dem Misthaufen; doch wird sie sich letztlich nur so viel Respekt verschaffen können, wie weitere Einzelfall-Vergleiche zu ihren Gunsten ausfallen. Im Ergebnis bleibt die Vernunft somit oberste Richterin der Idee, sie muss sich lediglich Fragestellungen gefallen lassen, die bisher übergangen wurden.

 

Nicht immer wird es gelingen, für eine Idee eine voll entsprechende Gegen-Idee zu finden: Sei es, dass die untersuchte Idee so vielschichtig ist, dass sie mehr als eine Gegen-Idee anspricht; oder die Idee so neuartig ist, dass sich noch keine konkrete Gegen-Idee identifizieren lässt. Im ersten Fall müsste man dann eben zu jeder Gegen-Idee eine eigene Diskussion führen. Im zweiten Fall wird man Ersatz in der Form der natürlichen Skepsis gegen alles „Neue“ finden; dazu gehört insbesondere der (noch näher auszuführende) Wert der Resilienz und die mit fehlender Überschaubarkeit verbundene Sorge um das „Komplexitäts-Risiko“.  Das entspricht im Übrigen auch dem Prinzip der biologischen Evolution: Das Neue überlebt nicht, weil es neu ist, sondern (nur) dort, wo es seine Überlegenheit gegenüber dem Alten unter Beweis stellen kann.

Beispiele

In meinem Buch „Leopold Kohr im Zeitalter der Post-Globalisierung“ habe  ich einige Beispiele dieser – von mir mit dem Namen Kohrs verbundenen – Drei-Schritt-Methode ausgeführt; so habe ich zur Illustrierung von Idee und Gegen-Idee dem Asylrecht den Einwand des „vollen Boots“ als Gegen-Idee gegenüber gestellt und gemeint, dass allein die theoretische Möglichkeit der Begrenzung des Asylrechts dazu zwingt, die Debatte zu konkretisieren: was sind stichhaltige Argumente für diesen Einwand, und welche Ersatzleistungen kann oder muss eine Gesellschaft bringen, um die Verweigerung des Asylrechts zu kompensieren? Als Beispiel für eine neuartige Große Idee, die bisher ohne spezifische Gegen-Idee geblieben sein mag, habe ich die Gen-Technik genannt und bin angesichts des unüberschaubaren Komplexitäts-Risikos zu einem höchst skeptischen Ergebnis gekommen. Weiters habe ich den immens hohen Wert der Religionsfreiheit in ein Spannungsverhältnis gestellt mit dem Wert öffentlicher Orientierungshilfe, wo sie – rechtlich unverbindlich – Modelle einer evolutionären Leit-Kultur anbietet. Am Beispiel des Schweizer Minarett-Referendums und des Antrags einer Atheistin auf Entfernung von Kruzifixen aus italienischen Schulen erlaubt mir das den Schluss, dass das Grundrecht auf Religionsfreiheit (einschließlich der Freiheit von Religion) heute auch exzessiv betrieben wird. Im Folgenden möchte ich einige weitere Beispiele bringen:

 

Vertrauen und  Kontrolle

 Die Medien sind voll mit Themen der Korruption und Verschwendung in Staat und Grossunternehmen. Offenbar ist Amtsträgern und Managern unmäßig viel Vertrauen entgegengebracht worden. Moral als ganzheitliches Ordnungssystem sieht Vertrauen als exzessiv an, wo die Versuchung zu ihrem Missbrauch außerordentlich groß ist. Ein ungewöhnlich großes Vertrauen hat also im konkreten Fall die Beweislast für seine Berechtigung zu tragen. Umgekehrt widerspricht es allen psychologischen Erfahrungen sowie der Würde des Menschen – ein von allen Ordnungssystemen getragener Wert – den Menschen unter umfassende Kontrolle zu stellen. Der kritische Punkt im Spannungsverhältnis zwischen Vertrauen und Kontrolle wird also von der konkreten Situation abhängen, genauer gesagt vom Grad der Überschaubarkeit der in Rede stehenden Materie: je überschaubarer, desto mehr wird die ganzheitliche Einbindung der handelnden Personen hohes Vertrauen rechtfertigen – und je komplexer  die Materie, desto mehr wird Kontrolle und besondere Transparenz angebracht sein.

 

Toleranz und Identität

Nach den fürchterlichen Religionskriegen des 17. Jahrhunderts ist Toleranz – also der Ausdruck der Wertschätzung für andere religiöse und weltanschauliche Bekenntnissen sowie ethnische und kulturelle Identitäten – zu dem wohl prominentesten Kind der Aufklärung geworden. In meinem Buch „Der Kompass im Kopf“ habe ich dieses Thema näher beleuchtet.[5] Demnach scheint in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts die Toleranz zumindest in der westlichen Welt den ethischen Diskurs so sehr dominiert zu haben, dass über Inhalte der eigenen Identität kaum mehr gesprochen wird.  Toleranz ist damit zur Beliebigkeit geworden. Diese Selbstverleugnung hat gefährliche Folgen; denn wer an nichts Bestimmtes glaubt, der glaubt bald alles, was gut präsentiert wird – und wird dann erfahrungsgemäß leicht zum Fundamentalisten.

Trotzdem verlangen wir immer mehr Toleranz, ohne uns dabei um Identität zu kümmern. Deren Fehlen merkt man besonders bei den Globalisierungs-Verlierern, politisch organisiert etwa von den Le Pens in Frankreich und den Haider-Epigonen in Österreich. Was sollen diese Verlierer denn auch von sich selbst halten, wo bleibt ihre Identität, wenn ihnen der Arbeitsmarkt sagt, dass sie nichts wert sind; wenn sie im Konsumrausch zuerst die letzten Reste ihres religiösen Weltbildes verloren haben und nun auch den Konsum? Wo sie noch dazu aufgefordert wurden, ihr Nationalbewusstsein gegen eine immer blasser werdende Europa-Idee einzutauschen!  Dazu gehören auch Männer, die ihr gewohntes maskulines Rollenbild verloren haben, weil sie in Familie und vielen Berufen von (endlich) emanzipierten Frauen an die Wand gespielt werden. Zugegeben, das Konzept des „Multikulti“ strahlt heute nicht mehr so hell wie im ausgehenden 20. Jahrhundert, aber nicht zuletzt im Zuge der sich verstärkenden Globalisierung ist es heute um nichts leichter geworden, unter den überall wuchernden Fragezeichen soviel Identität zu bewahren, dass man echte Toleranz üben kann.

Das Spannungsverhältnis zwischen Toleranz und Identität spielt sich nicht nur auf der intellektuellen Ebene ab, auch die energetische Ebene der Neugier mit dem Problem des Neugierschwunds spielt hier eine wichtige, vielleicht sogar entscheidende Rolle; denn wie schon ausgeführt wurde, steigt bei Erschöpfung der Neugier unsere Neigung, unreflektierten Impulsen zu folgen – also „Fremde“ wie Eindringlinge in das eigene Territorium abzuwehren. Konkret dürfen in den aktuellen Integrationsdebatten Minderheit und Mehrheit einander nicht zuviel zumuten, es drohen sonst Fremdenfeindlichkeit auf der einen Seite und/oder militante Ghetto-Bildung auf der anderen. Auch auf dieser Ebene fördert Identitätsbewusstsein die Toleranz, da bei gesicherter Identität weniger Verunsicherungen auftreten, die intellektuell aufgearbeitet werden müssten.

Wie auch immer, die Diskrepanz zwischen geforderter Toleranz und der dafür notwendigen Eigen-Identität ist heute enorm gestiegen und ist ganz offensichtlich auch die Ursache terroristischer Gewalt. Nach meiner Drei-Schritt-Methode liegt die Beweislast eindeutig bei den Verfechtern von noch mehr Toleranz, es muss also zuerst die Frage nach der eigenen Identität in einer „zukunftsfähigen“ Weise beantwortet werden. Angesichts der heute gegebenen Dringlichkeit dieser Materie mag das auf den ersten Blick als unlösbares Dilemma erscheinen, es hat aber gute Aussichten, auf einer anderen Dimension eine Lösung zu finden: nämlich durch Verkleinerung und Verdichtung des Umfelds, in dem Toleranz gefordert wird. Denn nicht nur ist es leichter, die eigene Identität in kleineren Räumen zu stärken; wie ich schon im ersten Teil dieses Buches ausgeführt habe, werden dort durch die Verbesserung der ganzheitlichen Zusammenschau die objektiven Gründe für ein tolerantes Zusammenleben deutlicher; es wird dort aber auch die Entwicklung von Empathie mit dem Anderen leichter.

 Effizienz und  Resilienz

Zugegeben, Resilienz (als der wissenschaftliche Name der Robustheit) ist ein reichlich abstrakter Begriff und deshalb wird man in sie in den ganzheitlichen Ordnungssystemen des Westens nicht finden – dies im Unterschied zum asiatischen Harmoniesterben, wo es in etwa dem Yin (komplementär zum Yang) entspricht. Jedenfalls lassen sich bei näherer Betrachtung viele krisenhafte Phänomene, die uns heute nach Menschlichem Maß und Neuer Aufklärung rufen lassen, letztlich auf das gestörte Verhältnis zwischen Effizienz und Resilienz zurückführen: sei es die Umwelt-Problematik, die weltweite Polarisierung zwischen Arm und Reich, die überbordende Finanzwirtschaft oder die Verdrängung kultureller Vielfalt als Folge der Globalisierung. Hier lässt sich anhand der ganzheitlichen Ordnungssysteme leicht feststellen, dass es die der Effizienz zuzuordnenden Werte und Ideen sind, die ins Unmaß gekippt sind.

Die Wurzel des gestörten Verhältnisses liegt in de Evolutionsgeschichte unseres Gehirns, konkret im Zusammenspiel zwischen dem ganzheitlich operierenden „Wächter“ und dem linear vorgehenden „Spezialisten“ in unseren Köpfen. Ohne den Wächter bzw. Resilienz wäre der Mensch wohl jeder überraschend auftretenden Gefahr voll ausgeliefert – und ohne Effizienz müssten wir Menschen verhungern. Wie gesagt, hat sich dieses Spannungsverhältnis in einer überschaubaren Umwelt entwickelt; jenseits ihrer Grenzen glaubt die Effizienz immer noch no news is good news und verwechselt das Schweigen der Resilienz mit Unbedenklichkeit;  und so steigt dort die Fehlerquote exponentiell.

Und der kritische Punkt? Wie der Finanzexperte Bernard Lietaer nach Prüfung hunderter Ökosysteme festgestellt hat, liegt unter dem Gesichtspunkt von nachhaltigem Erfolg das Optimum im Spannungsverhältnis nicht in der Mitte zwischen Effizienz und Resilienz, sondern etwas näher zur Resilienz. Überhaupt ist Nachhaltigkeit seiner Meinung nach nur in einem engen Fenster um diesen optimalen Punk herum möglich, außerhalb davon kollabieren die Systeme.[6]

Schließlich möchte ich kurz auch andere „Große Ideen“ streifen, die soweit in Exzess geraten sind, dass sie soziale Grunderfahrungen verletzen; ihre jeweiligen Gegen-Ideen wären demnach

– für die Wissenschaftsgläubigkeit:  die Moral als “kondensierte Langzeit-Erfahrung“ nachhaltigen menschlichen Handelns[7]

– für den Monetarismus: da Geld als der Kern dieser Idee mehrere grundverschiedene Funktionen erfüllt, werden hier auch mehrere Gegen-Ideen Platz greifen; mehr dazu später

 – für den Individualismus: gelebte Gemeinschaft

 – für den Markt: die kooperative Gemeinwirtschaft

  – für Wettbewerb: die Kooperation

Kein Zweifel, für Menschen, die Ideen und Werte seit Generationen nur abstrakt und linear diskutieren – sie also nicht an Gegenwerten und –Ideen messen – ist die hier beschriebene Drei-Schritt-Methode stark gewöhnungsbedürftig und wird sich damit der Weg zum Menschlichen Maß nicht leicht eröffnen.  Denn zu stark ist die Versuchung, einmal die für wahr befundene Ideen als ewig strahlenden Fixstern des eigenen Gedanken-Himmels anzusehen; ähnliches gilt für die Gewohnheit, in der Begegnung mit anderen Ideen  nur deren Nachteile mit den Vorteilen der eigenen Idee zu vergleichen. Wer aber nur ein wenig Übung in der hier beschriebenen Diskussions-Methode hat, wird bald feststellen können, wie er damit im Handumdrehen die Lufthoheit über den Stammtischen selbst akademischer Wirtshäuser erringen kann.

[1] Rupert Riedl, “Evolution und Erkenntnis”, München 1982, Piper

[2] Vergl. Nico Paech, Artikel  „Grünes“ Wachstum wäre ein Wunder, in DIE ZEIT on-line, 21. Juni 2012, http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-06/wachstumskritik-paech

[3] Carl Amery, „Arbeit an der Zukunft – Essays“, 2007 München Sammlung Luchterhand

[4] Michael Breisky, „ Groß ist ungeschickt – Leopold Kohr im Zeitalter der Postglobalisierung“, Wien 2010, Passagenverlag

[5]

[6] http://palpito.de/plugins/files/603797/Resilienzf__rderung_als_Basis_f__r_Nachhaltigkeit.pdf,

[7] Vgl. Michael Breisky, „Der Kompass im Kopf – Menschliches Maß und Politik im 21. Jahrhundert“, 2003 Salzburg Otto Müller Verlag