Friedenssicherung durch Dynamische Offenheit der EU-Außenpolitik

Dynamische Offenheit in der EU-Außenpolitik:

Menschenwürde und Friedenssicherung durch quantenmechanische Prinzipien

 

von Michael Breisky

Die folgenden Überlegungen sollen den Anstoß zu einer geistigen Trendwende der EU geben; denn vor dem vierten Jahre Krieg in der Ukraine und Donald Trump im zweiten Jahr wieder im Weißen Haus, droht das Schiff “Europa“ in einer Depressions-Spirale zu versinken – einige seiner Regierungschefs sind ja schon dabei, nationalistische Rettungsboote flott zu machen.

Entscheidend ist wohl, wieder von Depression in eine initiative Stimmung zu kommen, und zwar mit der hier skizzierten Politik der “dynamischen Offenheit”. Das ist Europas Einladung, im Vorfeld der klassischen Außenpolitik einen ständig fließenden bilateralen Diskurs mit allen Playern der Geo-Politik zu führen. Das soll helfen, der Devise Metternichs nach dem Wiener Kongress 1815 zu folgen, die Europa ein Jahrhundert lang vor großen Kriegen bewahrt hat: “Es ist besser, schädliche Interessen der Anderen zu überwinden als eigene Interessen durchzusetzen[1]. In diesem Diskurs sollen alle innen- und außenpolitischen Themen ausgelotet werden, um Ansätze für eine friedliche Kooperation zu identifizieren und aufzugreifen.

Das Buch „Europa verstehen und lieben lernen“ beschreibt im Einklang mit prominenten christlichen und rational-humanistischen Stimmen die Würde jedes Menschen als archimedischen Punkt des demokratischen Europas. Sie auch nur schleichend aufzugeben wäre das Ende Europas. Drei einfache Dinge geben dieser Würde höchsten ethischen Gehalt:

–     Sie ist unbestimmt, aber ganz gewiss ein „Etwas“ und nicht ein „Nichts“.

–     Ihr „Zauber“ liegt in der gegenseitigen Verschränkung: Meine Würde ist nicht schlechter als Deine Würde – und aus Deiner Würde folgt auch meine Würde. [2]

–     Sie kommt jedem Menschen zu, ist also überall, wo Menschen sind.

Das Thema Menschenwürde ist freilich ambivalent, da ihre universelle Durchsetzung bisher gescheitert ist. Sie wurde zwar in der Präambel der Charter der Vereinten Nationen sowie in deren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) im Konsens der damaligen UN-Mitglieder verankert und zuletzt in der großen Weltkonferenz der UN zu den Menschenrechten bekräftigt; doch ist dieser Konsens schon seit Jahren zerbrochen[3]. Darüber hinaus zeichnet sich nun unter Präsident Trump die Absage der USA von regelbasiertem Konsens ab. Das macht das Menschenrechts-bewusste Europa zu einer krassen Minderheit in der Welt.

Eine neue Kopernikanischen Wende

Der zweite Grund der Ambivalenz ist die langsam um sich greifende Erkenntnis, in einer Zeitenwende zu leben, deren Angelpunkt sich mit dem neuen Weltverständnis am Beginn der Neuzeit vergleichen lässt:  Das zeigt im frühen 20. Jahrhundert die Quantenmechanik und ihre Physik, gleichzeitig aber auch Kunst, Literatur und Philosophie (besonders im Wien als Karl Kraus‘ „Probebühne des Weltuntergangs“, Kafka und Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und Wittgensteins „Schweigen zu dem Ungewussten“[4]).  Ähnlich und vielsagend ist auch die irreführende „Vereindeutigung“ der Sprache[5]: Eindeutige, „feste“ Wörter sind statisch, ihr dominierender Gebrauch gegenüber uneindeutig „weichen“ Wörtern wird zunehmend kritisiert.

Heute wird klar, dass in Abkehr des bisher geltenden Axioms der Wissenschaftlichkeit nun gute Information auch dynamisch zu verstehende Begriffe einsetzen muss – und im Wesen von Information liegt wohl der Kern der neuen Kopernikanischen Wende. Rekorde der Börsenkurse für Informations-Technologie und Künstliche Intelligenz zeigen, dass diese Wende in der Wirtschaft mehr als nur angekommen ist –  jetzt auch in der Außenpolitik?

Quantenphysik und andere Analogien zur Außenpolitik 

Die dem politischen Thema Menschenwürde zugeschriebenen Begriffe unbestimmt, Verschränkung und überall entsprechen auch der quanten-physikalische Betrachtungsweise. Außenpolitisch verwendbar sind weitere Phänomene der Quanten-Physik: die ständig fließende Bewegung ihrer Teilchen und ganz besonders die Relativierung von Ursache/Wirkung, wonach schon die genaue Beobachtung eines quantenmechanischen Phänomens ein „wirkungsvoller“ Eingriff ist.  Alles das ist dem Alltagsgebrauch fremd, kontra-intuitiv und ist auch nicht dazu da, Alltagsrealität direkt umzuformen;[6] sie eröffnet jedoch neue Möglichkeiten der Interpretation: Was wir für eindeutiges Wissen halten, ist so wie „a-tomare“ (d.h. unteilbare) Gewissheit der „alten“ Physik Newtons letztlich nur ein „Grenzfall der Unbestimmtheit“ sub-atomarer Bewegungen, den wir nur durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen einkreisen können, also durch das ganzheitliche Ausloten des Potentials von Bewegungs-Mustern. Kurz gesagt, diese Methode der umkreisenden Annäherung an eine praktikable Bestimmtheit sollte außerhalb der Physik auch für die Außenpolitik gelten – wo Unbestimmtes durch gemeinsame Beobachtung sowohl eindeutig werden kann und zumindest in der Form mehrdeutiger Formelkompromisse[7]  wertvolle Zeitgewinne ermöglicht. Die zitierte Diplomtie Metternichs lag ganz auf dieser Linie! Heute wäre dafür  – objektivierbare Nachprüfung vorausgesetzt – im übrigen auch der Einsatz von KI für Fakten-Prüfung und Wahrscheinlichkeitsrechnungen möglich und sinnvoll.

Darüber hinaus bestehen bereits theoretisch ausformulierte Denkansätze, die Unbestimmtheit als Ressource verwenden:

–     Agonistische Demokratie (Chantal Mouffe): Demokratie lebt nicht von Konsens, sondern von offenem, nie endgültig festlegbarem Streit, der aber innerhalb institutioneller Rahmen konstruktiv kanalisiert wird. Die Unbestimmtheit politischer Identitäten erlaubt pluralistischen Zusammenhalt.

–     Komplexitätstheorie (zahlreiche Autoren): Politische Systeme sollen nicht Eindeutigkeit erzwingen, sondern adaptive Kapazitäten schaffen. Hier ist Unbestimmtheit nicht Störfaktor, sondern Bedingung für Lernfähigkeit.

–     Jürgen Habermas‘ Kommunikationsethik: Die ideale Sprechsituation lebt von der Offenheit des besseren Arguments, offener Diskurs ist nicht Teleologie, sondern Prozess.

EU als Pionier der dynamischen Offenheit

Um aus ihrer aktuellen, extrem defensiven Haltung heraus zu kommen, soll die EU produktive Unbestimmtheit nutzen und zu einer Informationspolitik der „dynamischen Offenheit“ kommen. Mit dieser werden Situationen angesprochen, in denen Bedeutungen, Rollen oder politische Optionen noch nicht festgelegt sind – und wo gerade diese Offenheit der Unbestimmtheit produktiv genutzt wird, um Anpassung, Kreativität und Konsensfähigkeit zu ermöglichen. Diese dynamische Offenheit soll in einen ständig fließenden Diskurs mit allen geo-politischen Playern schließlich den Input für die klassische Politik erarbeiten.

Ein solches Konzept könnte politisch drei Funktionen erfüllen:

  1. Integration: Mehrdeutigkeiten ermöglichen es, unterschiedliche Werte in einem gemeinsamen Rahmen zu sehen.
    2.Innovation: Unbestimmtheit lässt Alternativen zu und verhindert frühe Verengung des Handlungsspielraums
  2. Legitimation:Politik wird nicht als „Wahrheit“, sondern als gemeinsamer Prozess verstanden.

Aber warum kommt das gerade Europa bzw. der EU zu? Weil sich ihre Identität auf ganz unterschiedlicheÜberlagerungen stützen – christlich, humanistisch, wissenschaftlich, rechtlich, „faustisch“ und jeweils kulturell ausgeprägt; und weil diese ihre Identität bestimmt genug ist, um Orientierung zu geben – in einem offenen, dynamischen Wertekanon. Und schließlich, weil Europa bzw. die EU nach dem zweiten Amtsantritt von Präsident Trump offenbar die einzigen geo-politischen Player sind, deren politische Struktur weiterhin voll demokratisch und Regel-basiert ist, was neben vielen langfristigen Vorteilen freilich auch die mehrstufig-langsamen Prozeduren der Willensbildung erfordert.

„Dynamische Offenheit“ ist vor allem offen in der Thematik und von hohem Respekt vor der Würde und Souveränität der Partner getragen. Sie dient der gemeinsamen Auslotung der ganzheitlichen Interessenlage – also auch der jeweiligen Innenpolitik. Dem quantenmechanischen Phänomen der „Wirkung allein durch Beobachtung“ folgend, soll sie in ständigem Diskurs und Deliberation mit allen Playern Interessengegensätze schon im Vorfeld erkennen und Ansätze gemeinsamer Lösungen entwickeln, die dann im mit den klassischen Instrumenten der Außenpolitik weiterverfolgt werden. In diesem Prozess ist auch das Atmosphärische wesentlich; so soll als Zeichen des Respektes voreinander nun an die Stelle der moralisierenden, der Offenheit schadenden Begriffe „demokratisch“ bzw. „autoritär“ die wertfreien Begriffe horizontaler bzw. vertikaler Organisierung treten[8].

Formales Ziel und inhaltliche Wirkung der dynamischen Offenheit

Ein Mindestmaß an inhaltlichen und prozeduralen Vorgaben ist natürlich Voraussetzung für den Diskurs. So muss zuerst bei jedem Gesprächspartner sondiert werden, auf welcher politischen Ebene der Diskurs stattfinden soll.

Klares Ziel dieser Informationspolitik ist im Einklang mit dem eingangs zitierten Motto Metternichs die Friedenssicherung durch Auflösung – oder zumindest Eindämmung – des Konflikt-Potentials in den jeweilgen gegensätzlichen Interessen, insbesondere auch durch Korrektur von gegenseitigen Fehl-Vorstellungen.

Die erhoffe Wirkung ergibt sich aus gegenseitiger Respekt und dem erwähnten Prinzip der Verschränkung: Was für die Menschenwürde gilt, soll auch für das Verhältnis zwischen Staaten gelten, und ganz besonders für geo-politische Player: „Mein Anspruch auf Deinen Respekt ist nicht schlechter als Dein Anspruch auf meinen Respekt“. Für die Anerkennung der Würde von Staaten gibt es zwei Gründe:

Auch wer wie die Europäer auf Entwicklung seiner horizontalen Regierungsstruktur stolz ist, müssen sie einerseits anerkennen, dass anderswo – wie das erwähnte Scheitern der UN-Menschenrechtskonvention zeigt – vertikale Strukturen auf sozio-kulturellen Traditionen oder Ideologien beruhen, die so tief verwurzelt sind, dass zwar im Falle ihrer Unvereinbarkeit mit Strukturen der anderen Seite an ihre Aufgabe nicht zu denken ist; wohl aber Wege friedlicher Koexistenz gefunden werden müssen.

Andererseits zeigt die Weltgeschichte, dass beide Arten von Strukturen immer auch Elemente der anderen Struktur in sich tragen; und dieser Fremd-Anteil zyklischen Schwankungen des „Zeitgeistes“ unterliegt – so haben in den letzten 250 Jahren (d.h. seit der Amerikanischen und Französischen Revolution) vertikale bzw. machtpolitische Kräfte den Ausbruch und die lange Dauer schwerer Kriege dominiert, wurden danach aber unter dem Eindruck des „Nie wieder Krieg!“ von horizontalen bzw. Regel-politischen Kräften abgelöst – deren Friedensperiode nach 1815 und 1945 sehr lange, nach 1918 jedoch nur wenige Jahre gedauert hat, bis sie wieder  vom Kriegs-Zyklus abgelöst wurde (hoffentlich und entgegen dem aktuellen Anschein nun zum letzten Mal!).

Inhaltliche Themen

 Mit allen Partnern der „dynamischen Offenheit“ muss an erster Stelle möglicher Diskurs-Themen die Erarbeitung von Konsens über alle historischen Fakten der bilateralen Beziehungen stehen. Unterschiedliche Bewertungen dieser Fakten wären dann zu diskutieren und hoffentlich auch aufzulösen.

Unumgänglich ist für alle Seiten die offene Diskussion zum Umgang mit überbordender Komplexität, wie sie durch die Entwicklung der IT verursacht wurde und auch unter Einsatz von KI nicht mehr beherrscht werden kann.[9]

Wo nötig, ist auch das Thema der Würde jedes Staates anzuschneiden, zunächst als der unbedingt durchzusetzende Respekt vor unterschiedlichen politischen Strukturen der Partner. Gleiches kann grundsätzlich auch für die Menschenwürde und den aus ihr abgeleiteten Menschenrechten individueller Art gelten, auch hier mit den durch gegenseitigem Respekt gebotenen Einschränkungen – etwa bei der Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Freilich, wo Europa den Anderen tiefen Respekt zollt, kann und muss es von den Anderen auch respektvolle Achtung für die interne Pflege seiner eigenen Werte verlangen, insbesondere der Menschenwürde.

Bei jedem Partner wären auch besondere Themen anzusprechen, etwa:

–         USA: alle Fakten, die gegen die US-Sicht eines europäischen „Hinterhof-Status“ sprechend, und die im europäischen Interesse an der Rückkehr der USA zur Regel-Politik dienen; weiter etwa das Thema der tief gespaltenen Eliten-Bildung in den US;

–         Russland: Aufarbeitung der Ursachen des Ukraine-Krieges und der russischen Einkreisungs-Phobie; Definition des neuen „Nazismus“; Zukunft der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen;

–         China: Gemeinsamkeiten aus mehreren Jahrtausenden nationaler Kultur; sowie aus Taoismus und Subsidiarität (Leopold Kohr, E.F.Schumacher) [10]; Thematisierung der Opiumkriege als Missbrauch der Handelsfreiheit;

–         Südliche BRIC-Staaten: Ausbruch aus der Geopolitik der Einflussgebiete; neben wirtschaftlicher auch kultureller Förderung des Selbstbewusstseins, Entschuldigung für post-koloniale „Belehrungs-Politik“. Mit einigen dieser Staaten wird auch der aktuelle „Elefant im Raum Europas“ zu erörtern sein, nämlich der Komplex von Migration und Integration

Fazit:

Eine dynamische Außenpolitik der „Unbestimmtheit“ durch totale Offenheit, Betonung der „fließenden“ Realität und der daraus abzuleitenden Notwendigkeit des offenen und ständigen Diskurses sollte also zu einem zukunftsfähigen Markenzeichen europäischer Innen- und Außenpolitik werden. Gerade in einer Zeit, in der Information — Fake-News, Daten, Algorithmen — eine große Rolle spielt, kann die Einsicht, dass Realität nicht immer fest ist und Wissen und Wahrheit nur im Grenzfall übereinstimmen, zu wertvoller Vorsicht und Reflexion beitragen.

Wien, 25.1.2026

[1] Henry Kissinger, „Diplomacy“, New York 1994

[2] Wie die Verschränkung in der Menschenwürde stärker ist als in der Nächstenliebe der „Goldenen Regel“ zeigt die angebliche Lebensphilosophie “gelernter Wiener“: Ich gönn‘ mir selbst ja auch nix!

[3] Zuletzt haben 171 Staaten bei der World Conference on Human Rights im Juni 1993 in Wien den gemeinsamen Aktionsplan zur weltweiten Stärkung der Menschenrechte im Konsens verabschiedet.

[4] Marjorie Perloff: „Ironie am Abgrund, die Moderne im Schatten des Habsburgerreiches,“ Chicago 2016

[5] Thomas Bauer, „Die Vereindeutigung der Welt“, Reclam 2018, wie in diesem Buch besprochen

[6] So der Physik-Nobelpreisträger  2022 Anton Zeilinger  in den Salzburger Nachrichten vom 5. Mai 2025

[7] Ein solcher war der „Pariser Vertrag“ zu Südtirol 1946, der erst Jahrzehnte später zum Erfolgsmodell wurde

[8] Verfassungsmäßige Strukturen, die sich nicht auf allgemeine, gleiche und geheime Wahlen stützen, können nicht als horizontal gelten.

[9] https://www.dersandwirt.de/europas-komplexitat/

[10] Im Zuge seiner Vortragstour an 6 chinesischen Universitäten 2008 wurde der Autor wiederholt auf starke Ähnlichkeiten Taoismus/small is beautiful/Subsidiarität hingewiesen