2000: Kein Friede ohne Toleranz, keine Toleranz ohne Neugier

KEIN FRIEDE OHNE TOLERANZ, KEINE TOLERANZ OHNE NEUGIER
-DER RUF NACH EINER „ECONOMY OF THE MIND“

von Michael Breisky

Vortrag bei Symposion „Kultur des Friedens“ in St.Johann i.P.,

So wie die Globalisierung heute vorangetrieben wird, verlangt sie eine biologische Unmöglichkeit. Zwar sprechen technischer Fortschritt und weltweiter sozialer Druck für ein total vernetztes Weltmodell, in dem „vernünftigerweise“ alles in Geldeswert ausgedrückt und quer über den Globus ausgetauscht wird, doch übersieht man, dass wir es immer noch nicht zu reinen Vernunftwesen gebracht haben. Denn der Mensch ist – einem Wort George Bernard Shaws folgend – nach wie vor nur das missing link zwischen dem Affen und dem homo sapiens. Totale Vernunftherrschaft ist eben nicht menschengerecht, und wenn nun als Reaktion auf die Globalisierung allenthalben die Sorge um unsere Identität auftaucht, so entspringt dies einem tiefen und in Geld nicht ablösbaren Wesenszug dieses missing link, das sich gegen seine geistige Überforderung zur Wehr setzt. Vernünftiges, d.h. sprachlich-abstraktes Denken baut auf das heikle Zusammenspiel von Gehirnstruktur (die Hardware), Erfahrungsmustern (die Software) und geistiger Power in Form von Neugier. Biologische Evolution hat dieses Zusammenspiel in grauer Vorzeit entwickelt, ist aber seit der Alt-Steinzeit nicht weitergekommen. So überfordern die sozialen Folgen von technischem Fortschritt und Globalisierung nun alle Träger des Zusammenspiels, ganz besonders jedoch Struktur und Kapazität des Gehirns: Seine ganzheitlich-bildhafte Denkebene soll zwar zur Entlastung der abstrakt-sprachlichen „Spezialisten“-Ebene im Kopf wie der „Aufpasser“ eines Einbrecher-Duos alles Wesentliche „im Auge behalten“ und braucht dazu den laufenden Input der Sinnesorgane, aber weil heute immer mehr Wesentliches außerhalb des „überschaubaren“ Umfelds geschieht, muss immer mehr Kontrolle über die abstrakt-sprachliche „Spezialisten“-Ebene erfolgen. Deren Kapazität zur Informationsauflösung ist jedoch milliardenfach schwächer, und obendrein verbraucht siewesentlich mehr Neugier! Auch die Software unseres Erfahrungsschatzes leidet unter dem aktuellen Trend zu einem unreflektierten kulturellen Pluralismus: In der „Beliebigkeit der Werte“ ist vernünftige Orientierung nur durch verstärkten Einsatz von Neugier möglich, diese ist aber gerade dabei, in der Informationsflut von modernen Medien und Werbungregelrecht ersäuft zu werden! Kurz: Der Vernunft geht die Neugier aus.

Wo nun diese Entwicklungen vernünftigem Denken im Wege stehen, reagiert der Menschgemäß seinen biologischen Urfunktionen, die ihm bei Begegnung mit neuenHerausforderungen nur die Wahl zwischen Flucht oder Aggression lassen. Toleranz setzt also „Vernunft-Arbeit“ voraus, und die kostet Neugier. Fehlt Neugier soweit, dass radikale Gewaltgegen Fremde zu einem politischen Problem wird, wird man von einer allgemeinen geistigen Überforderung sprechen. Wo diese Gewaltbereitschaft beim einzelnen Menschen spontanauftritt, unterscheidet sie sich wesentlich von der nazistischen Gewalt der 30er Jahre, dieja über gleichgeschaltete Medien ausgelöst wurde.

Unsere Politik muss also als Voraussetzung jeder Toleranz zu einer „Economy of the Mind“finden, in der Neugier als kostbarste Ressource anerkannt wird. Und Neugier wird man wohl nur schützen können, wenn die Basis an „Vertrautem“ in unserer Gesellschaft nicht zu schmal wird. Dafür tragen alle Menschen Verantwortung, egal ob Staatsbürger oder Fremder! Hier müßte die Politik auf mehreren Gebieten ansetzen:

Da wäre etwa, die Bildung von schädlichen „Vor-Urteilen“ gegenüber Fremden tunlichstschon auf der ganzheitlich-bildhaften Denkebene zu unterbinden, d.h. dass Fremde keinenAnlass zu bewußten (und Neugierintensiven) Denkprozessen geben, weil sie „automatisch“ als „harmlose Selbstverständlichkeit“ eingestuft werden. Mit entsprechendem Training, wiees die amerikanische „Anti-Defamation-League“ nun auch in Österreich anbietet, kann mandies durchaus lernen.

Viel grundsätzlicher wäre es, die abstrakt-sprachliche Denkebene von der extrem Neugier-intensiven neuen Rolle des „Aufpassers“ für die nicht mehr überschaubaren Bereiche zubefreien. Dies gelingt am besten, wo ganzheitliche Übersicht zum Leitprinzip erhoben wird,d.h. mit der Politik der kleinen politischen Einheiten, wie sie Leopold Kohr entwickelt hat, entsprechend dem Motto „small is beautiful“ oder besser noch in der Übersetzung Nestroys: „groß is‘ ung’schickt“. Ihr aktuelles Konzept ist die Globalisierung, d.h. die Übertragung der meisten national-staatlichen Kompetenzen entweder an übergelagerte globale bzw. europäische Institutionen oder an untergeordnete Einheiten regionaler bzw. lokaler Art. Dahinter steckt die Einsicht, dass der klassische Nationalstaat für viele Aufgabenheute bereits zu klein, für noch mehr – vor allem soziale – Aufgaben jedoch zu großgeworden ist. Denn nur in überschaubaren Einheiten – in Familien, Gemeinden und historisch gewachsenen Regionen – werden wir politische Partner finden, die uns als ganzen Menschen behandeln und nicht nur in einer abstrakten Funktion als anonymer Konsument,Arbeitnehmer, Tourist oder Versorgungsfall. Nur so werden wir uns besser vor Irrtümern und maßloser sozialer Kälte schützen können. Und nur in diesen kleinen Kreisen, wo das ständige Überprüfen von Selbstverständlichkeiten ganz automatisch durch den ganzheitlichen „Aufpasser“ in unseren Köpfen erfolgt, werden wir auch genug Neugier abzweigen können, um mit dem heute unverzichtbaren Pluralismus fertig zu werden. Wie man diese Einsichtenin die Praxis umsetzen kann, zeigen die Schweizer Kantone sowie die Südtiroler Autonomie.

Eine weitere Dimension ist inhaltlich bestimmt und sollte zu mehr Ordnung in der Softwareunserer kulturellen Erfahrungen verhelfen. Hier geht es darum, durch ein auf alle Lebensbereiche anwendbares gedankliches System so viel Orientierungssicherheit zugewinnen, dass unter der Fülle möglicher Verhaltensmuster kein Chaos der Beliebigkeiten entsteht – eine Situation, wo uns die Neugier bald ausginge und wo wir unter die Räderbiologischer Urfunktionen gerieten. Politik wird also nicht umhin können, unter der Vielzahl von Weltanschauungen eine inhaltliche Präferenz auszudrücken, aber sie darf diesim Interesse des Pluralismus mit keinerlei Zwang verbinden. Dem würden öffentliche, aber unverbindliche Hinweise auf die örtlich dominierende Religion entsprechen. Religion deshalb, weil jede (Hoch-)Religion ein einheitliches Gedankengebäude darstellt, das zu fast allen Lebensbereichen etwas Konkretes zu sagen hat. Die erhöhte öffentliche Sichtbarkeit brauchen wir, weil Neues nur von einer „soliden Basis des Vertrauten“ angenommen wird.Und das Örtliche ist unverzichtbar, weil man in Analogie zur Evolutionstheorie annehmen darf, dass sich eine Religion immer nur dort nachhaltig durchsetzen konnte, wo sie insgesamt in der ganzen Bandbreite ihrer offiziellen und inoffiziellen Lehrmeinungen die besten Erfahrungsmuster für die Menschen dieser Region entwickelt hat. Der einzelne Mensch wird diesen Mustern oft nicht in allem folgen können, aber ihm wird das Wissen umdie „Himmelsrichtung“ auch dort wichtig sein, wo er Klippen und Stolpersteinen pragmatisch ausweichen will. In diesem Sinn sind gerade reine Äußerlichkeiten wie Feiertagsordnungen und Glockengeläute wertvoll, da sie auf die dahinter liegenden geistigen Orientierungshilfenverweisen.

Aber wie steht es dann mit dem Pluralismus? Da sollte zunächst klar sein, dass ein Niedergang der Mehrheits-Religion auch den Angehörigen von Minderheiten-Religionenschadet, da diese – wie viele Beispiele zeigen – meist mit nur kurzer Verzögerung ein Ähnliches erfahren. jede Art von öffentlich geförderter Religiosität ist daher besser als einreligiöses Vakuum. Nun ist zwar auch schon öffentliche Hilfe für die Sichtbarkeit einer Religion ein Privileg, doch wäre dies vertretbar, wenn man die Sonderstellung nicht mit demAnspruch einer Religion auf höchste Wahrheit begründet, sondern ausschließlich mit ihrer offenbar besonders gegebenen Eignung für die Bedürfnisse einer bestimmten Gebietsbevölkerung. Dann können Angehörige von religiösen Minderheiten darauf vertrauen, dass sie dort, wo sie selbst die dominierende Religionsgemeinschaft bilden, eine reziproke Position genießen. Außerhalb des örtlichen Kontextes mit seinen besonderen kulturellen Erfahrungen wären nun alle Religionen gleichwertig, und aus dieser gegenseitigen Wertschätzung müßte folgen, dass Missionierung bzw. Proselytisierung nur mehr durch das Beispiel des gelebten Vorbilds erfolgt.

Die Prinzipien der erhöhten Sichtbarkeit einer Religion und des Pluralismus wären vereinbar, wenn man an die im Christentum unbekannte Unterscheidung des Islamszwischen Gebieten des Islams, Gebieten des vertraglichen Friedens und Gebieten des Kriegesanknüpft. Denn in den „Gebieten des vertraglichen Friedens“ (Dar al ahd) hat der Islamden dort dominierenden Religionen bislang genau die überragende Stellung in der Öffentlichkeit zugebilligt, die er selbst in seinen eigenen Gebieten für sich in Anspruch nimmt. Und er tut dies ja auch bei sich zuhause in einer grundsätzlich toleranten Weise, wie die stille Blüte christlicher und jüdischer Gemeinden unter islamischer Herrschaft durchviele Jahrhunderte hindurch bewiesen hat. Es wären also „Toleranz-Verträge“ zwischen Staaten verschiedener Kulturkreise abzuschließen. Da diese mit den Errungenschaften der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat durchaus vereinbar wären, sollten Staaten damit ihr Interesse an der wechselseitigen Sicherung ihres religiös-kulturellen Status quo sowie die Grundsätze eines „Vertraglichen Religions-Friedens“ konkretisieren.

Danke sehr!

ANHANG: ELEMENTE FÜR „TOLERANZVERTRÄGE“

1. DEFINITION des Begriffes des „Vertraglichen Friedens“.

2. VERWENDUNGSZUSAGE, die im eigenen Gebiet traditionell verankerten Religionsgemeinschaften ermutigen zu wollen,
– das Gebiet der anderen Partei als „Gebiet des vertraglichen Friedens“ anzuerkennen,
– dort alle örtlich gewachsenen Formen der Religions-Ausübung zu achten und
– von jeder aktiven Werbung zum Glaubensübertritt Abstand zu nehmen.

3. FESTSCHREIBUNG DES MULTI-KULTURELLEN BZW. -RELIGIÖSEN STATUS QUO
(„Berlin-Kreuzberg kann bleiben, es sollen aber keine neuen Kreuzbergs entstehen“.)

4. VEREINBARUNG, den eigenen Staatsbürgern keine Unterstützung zu gewähren, wenn sie diese Prinzipien im anderen Staat verletzen (d.h. im Falle „religiöser bzw. kultureller Querulanz“).

5. ÜBEREINSTIMMUNG, dass die kulturellen Traditionen der Staaten von den auf ihrem Gebiet seit längerem verbreiteten Religionsgemeinschaften stark geprägt sind, diese Traditionen weiterhin eine ethische Orientierungshilfe darstellen, die für Friede und Wohlergehen der Staaten unverzichtbar sind, und es daher- im wechselseitigen Interesse liegt, wenn im bilateralen Verhältnis offene Fragen
– zur völkerrechtlich verankerten Religions- und Meinungsfreiheit,
– zur öffentlichen Ordnung im Allgemeinen sowie
– zur öffentlichen Religionsausübung im Besonderen in einer Weise gehandhabt werden, die diesen kulturellen Traditionen gerecht wird.

6. VEREINBARUNG DER ZUSAMMENARBEIT von Forschungs- und Bildungsinstitutionen beider Seiten zu einem kulturellen „Brückenbau“, insbesondere durch Herausarbeitung und Propagierung von Gemeinsamkeiten und Entsprechungen in Religion und Kultur.

7. KLAUSEL FÜR EINE REVISION nach ca..10 Jahren

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